EMMANUELLE TANAïS AUPEST
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Louise Bourgeois behauptete, das Rezept sei, Kunst zu machen und die eigene Vergangenheit mit, wenn nötig, drastischen Mitteln aufzuarbeiten.
Ich will diesen Gedanken weiterführen: durch Kunst die Vergangenheit in eine bewegliche Gegenwart fließen lassen. Im Alter von 17 Jahren lernte ich das Werk Egon Schieles kennen und war von seinem emotional vibrierenden Strich hingerissen.
Zu dieser Zeit war ich in Le Havre im Internat, um das Bac A3 (Abitur) mit Schwerpunkt auf Bildende Kunst und Philosophie vorzubereiten.
Dort war ich umgeben von der Architektur Auguste Perrets, Verfechter des "Style sans ornements"– also schmuckloser Bauten, der nach dem zweiten Weltkrieg mit großen Achsen, sehr klaren Volumina aus Stahlbeton die Stadt neu modellierte.
Ich fühlte mich in beiden diesen ästhetisch sehr verschiedenen Welten zu Hause.
Je mehr Welten aufeinander treffen, desto fruchtbarer das daraus entstehende städtische Milieu. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum ich mich für das Architekturstudium entschied, obwohl ich mich zunächst an der Kunstuniversität von Rennes eingeschrieben hatte: die Stadt als Prinzip fasziniert mich.
Die Stadt als Muttertier, bespannt von einem unsichtbaren Netz. Ein Netz ungeschriebener Regeln, das die Kommunikation zwischen den Identitäten sicherstellt, wie ein Nervensystem. Wer sich darin zurechtfindet gehört zur Stadt.
Meine Arbeit ist in diesem Spannungsfeld verwurzelt: dazu zu gehören und sich gleichzeitig als Individuum behaupten zu wollen.
Aus der Beobachtung der Wechselbeziehung zwischen urbanem Raum und Bewohnern sind vielschichtige digitale Collagen aus Fotografie und Zeichnung entstanden. Sie erinnern an Comics, sind aber viel komplexer angelegt: Es sind auch Einladungen an den Betrachter, die angedeutete Erzählung weiterzuspinnen.
Das Narrative setzt sich auch in anderen Arbeiten fort. "Tageschaos" ist eine Erzählung in Bildern und Text, die bei meinen Lesungen musikalisch begleitet wird.
Manchmal witzig, manchmal traurig, handelt sie von den verschiedenen möglichen Lebenswegen und der Protagonisten und ihren Strategien mit den Anforderungen des Lebens umzugehen.
Die Anforderungen wachsen mit der Zunahme von Möglichkeiten. Wissen vermehrt sich, der Zugang dazu demokratisiert sich. Strukturen, die lange dominant waren lösen sich auf: das klassische Familienmodell ist längst brüchig, mehrere Ausbildungen zu haben, häufige Stellen- und Rollenwechsel sind die Regel. Der Anspruch an individuelle Freiheit wächst. Jeder steht - zumindest theoretisch - vor unendlich vielen Möglichkeiten. Wofür sich entscheiden? Was ist richtig, was ist falsch? Und so lässt uns "Tageschaos" mit offenen Fragen zurück, gleich dem Leben selbst. Wie die Protagonisten von "Tageschaos" lerne auch ich die Vielfalt an Möglichkeiten und Entscheidungsfähigkeit miteinander zu vereinbaren. Dazu gehört auch meine bi-nationale Identität. Als gebürtige Französin lebe und arbeite ich seit meinem Studium in Deutschland. Ich assoziiere die deutsche Sprache mit meinem Erwachsenen Sein. In ihr drücke ich meine damit verbundene Erfahrung und Emotionalität aus.

In Deutschland bin ich über den Weg der Architektur zur Kunst zurückgekehrt.
Im Jahr 2010 stellte ich zum ersten Mal aus.

E.T.AUPEST
Hannover, März 2012